Geschichten aus dem Wald
Dieses Messer haben wir als Kinder gern im Zuge unserer Ritter-, Indianer- und Soldatenspiele als einen uns unseren realen Vorbildern näher bringenden Ausrüstungsgegenstand verwendet. Er gehörte eigentlich meinem Freund Gerhard - besser gesagt seinem Vater, der beim Bundesheer Dienst versah - und es war uns prinzipiell verboten, damit zu spielen. Um das Verbot ernst zu nehmen war die Waffe aber viel zu schlecht aufbewahrt, man kann nicht einmal sagen, versteckt, nämlich am Tisch im Geräteschuppen des sogenannten Jodl-Hauses. So haben wir es uns dann und wann einmal ausgeliehen, denn wir brachten es ohnehin jedesmal an seinen Ort zurück, bevor es vermisst werden konnte: Gerhards Vater kam nie vor fünf von der Arbeit nach Hause und meistens waren wir um diese Zeit vom Spielen schon wieder zurück.
Weshalb mir der Dolch und seine besondere Form so gut im Gedächtnis geblieben sind, hat aber einen ganz bestimmten Grund, der über seine bloße Funktion als lebensechtes Requisit hinausgeht. Eines Tages nämlich, als wir uns wieder einmal dem Ritterspielen widmen wollten, tauchte Gerhard plötzlich mit einem neuen, glänzenden Ritterschild auf. Sein Großvater, der alte "Jodl", hat es für ihn, von ihm liebevoll "Gaga" genannt, angefertigt: gewölbt und groß, weiß grundiert und mit blutrotem Lack umrandet war es einfach prächtig anzuschauen. Das Beste war aber das Wappen in der Schildmitte: es war das justament der Abdruck jenes Dolches in schwarzer Farbe, martialisch und stolz. Ich hatte, wie erwähnt, immer schon eine Vorliebe für gut gemachtes, realistisches Spielzeug (statt Ritter spiele ich heute eben Bergsteiger - die Lust an der passenden Ausrüstung ist dieselbe geblieben), der Schild erschien mir als der wundervollste Gegenstand, dan man in diesem Moment nur haben konnte und die Bewunderung dafür war grenzenlos. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich vor Neid und Bosheit, und weil ich fast immer unsere Spiele bestimmen konnte, an diesem Tag vom Ritterkreuzzug auf das Spiel "Erschießung mit dramatischer Sterbensszene", für das kein Schild benötigt wurde, wechselte (neben der "Kreuzigung Jesu", für das jedoch zwei lange Bretter benötigt wurden, war das das zweite Leidensspiel in unserem Repertoir). Dem Gerhard den Schild abschwatzen oder sonstwie abluchsen kam auf keinen Fall in Frage, soviel zumindest verstand ich damals schon von Freundschaft. Ich brauchte also zur Wiedererlangung meines Seelenfriedens einen eigenen, mindestens ebenso schönen Schild, schon am nächsten Tag machte ich mich an seine Verwirklichung.
In unserer Holzhütte fand ich auch tatsächlich eine dicke Sperrholzplatte in geeigneter Größe, für die Schildfessel, die Halterung am Unterarm und in der Hand, hatte ich aus meiner Mutter Küche zwei Nylonnetze, wie sie zum Abpacken von Zitronen verwendet werden, mit der Erlaubnis meiner Mutter von den Citrusfrüchten befreien und mitnehmen dürfen. Diese "Riemen" nagelte ich nun mit größter Sorgfalt auf die Holzplatte und fertig war mein Schild. Allein, er war schmucklos und ohne Schimmer, denn es fehlte ihm das Besondere, das Wappen, und ich hatte keine Ahnung, wie dieser Mangel zu beseitigen wäre (Lack und künstlerisches Können hatte ich beide nicht). Während ich so dastand und immer trauriger über mein unverziertes Schild wurde, klang mir plötzlich das gleichmäßige Schlagen des schweren Hammers unseres Nachbarn, dem "Schmied Otto", im Ohr. Der Huf- und Wagenschmied Otto, in meinen Augen in natürlicher Weise auch ein Waffenschmied ersten Ranges, würde mir wohl irgendwie zu würdigem Rittertum verhelfen können. Man hat, als ich etwas älter war, behauptet, der Schmied Otto hätte Kinder nicht gemocht. Ich hatte diesen Eindruck nie, ganz im Gegenteil, und das, obwohl er allen Grund gehabt hätte, mich ein für alle mal aus seiner Werkstatt auszujagen. Einmal nämlich, als der Schmied Otto gerade mit meiner Mutter in ein Gespräch verwickelt war, stieg ich unbemerkt auf eine große, grüne Maschine, die neben dem Eingang zur Schmiede stand. Die hatte oben ein Handrad und eignete sich daher vorzüglich zum Autofahren-Spielen. Ich fuhr also mit meinem grünen Auto eine Rechtskurve, woraufhin die Maschine und Sekundenbruchteile später ich aufzuheulen begannen. In Windeseile sprang daraufhin der Schmied Otto herbei, um mich zu retten und das grüne, tosende Ungetüm abzustellen. Lustig hat er das, glaube ich, nicht gefunden, aber übel hat er es mir auch nicht genommen.
Ich ging also zum Schmied Otto und erläuterte ihm mein Problem mit dem faden Schild. Offenbar hatte der Otto gerade nicht viel Arbeit, denn er hörte mir zu und bot mir auch gleich an, mit Schweißdraht eine Verzierung oder Ornament anbringen zu wollen. Ich müsste ihm nur eine schöne Vorlage, ein symmetrisches Muster auf dem Holzschild vorgeben. Das war leicht, ich lief aus der Schmiede, bat meine Oma um einen Kugelschreiber und zauberte ein verwirrtes Liniendurcheinander auf mein Schild. Fünf Minuten später war ich wieder bei meinem Waffenschmied, der sich angesichts des Ornaments am Kopf kratzte und meinte, so gehe das nicht. Um meinem sich mit Tränen füllenden Blick zu entgehen griff er daraufhin selbst zum Filzstift und zeichnete einen wunderschönen Indianerkopf auf den Ritterschild. Das war eigentlich eine wunderbare Idee, denn auch Indianer benützen bekanntlich Schilde im Kampf, man konnte ihn also für Spiele in unterschiedlichen Epochen benützen. Schade nur, dass ich nie Indianer sondern immer Cowboy sein und mit Pistolen statt mit Pfeil und Bogen schießen wollte. Nachdem der Schmied Otto also die Vorlage vollendet hatte, befestigte er den Draht mit Hilfe von Nägeln auf der Skizze, bis sich das Ehrfurcht gebietende Relief eines edlen Wilden auf dem Schild erhob. Es war wundervoll, einfach wundervoll, und ich sehr stolz darauf. Nun also konnten wir endlich wieder als gleichwertige Spielkameraden unsere Zeit verbringen.
Die Freude währte allerdings, wenn ich mich recht erinnere, nicht sehr lange, ich war nur für kurze Zeit im Besitz dieser schönen Verteidigungswaffe. Sie ist wohl - aber das ist nur eine Vermutung - dem stets nach Holz hungrigen Küchenherd meiner Oma zum Opfer gefallen.
Ich hoffe, der Gerhard hat nie Probleme wegen des verlorengegangenen Bajonetts bekommen. Beziehungsweise sein Vater beim Bundesheer. Offenbar waren wir irgendwann in der Hitze eines Spielgefechts unaufmerksam und haben den Dolch im Wald verloren. Dieser hat sein dichtes Laubgewand sofort über die Klinge gebreitet, sodass sie unauffindbar wurde, und mehr als dreißig Jahre gewartet, um sie mir jetzt, verrostet aber unverkennbar, zurückzugeben.
Dass der Wald, wie eingangs erwähnt, auch reich an Geheimnissen ist, spürt jeder, der ihn betritt. Immer wieder haben wir als Kinder auf unseren Streifzügen nach den Burgruinen und den versteckten Schatzkisten gesucht und sind doch nie fündig geworden. Einmal haben wir ein Felsenloch im Boden gefunden und einen Stein in seine Tiefe geworfen. Dass wir den Aufprall nicht wahrgenommen haben, hat uns neugierig und ängstlich zugleich gemacht. Vielleicht wollten wir damals aber das Aufschlagen der Steine am Grund des Schachts auch einfach nicht hören, den Traum von der tiefen, tiefen Höhle, auf deren Grund das Unaussprechliche auf uns wartete, träumen. Das Loch haben wir jedenfalls später, älter geworden, nicht wieder gefunden.
Ein Geheimnis, bzw. eine Geschichte, hat der Wald aber erst unlängst preisgegeben:
Etwa zur gleichen Zeit, als der rostige Dolch wieder aufgetaucht war, lagen in unmittelbarer Nähe des Fundorts einige bleiche, weiße Knochen, offenbar Überbleibsel einer Mahlzeit einerseits, wie auch schweigende Zeugen eines Drams andererseits. Mir waren Knochen, Kiefer oder gar ganze Schädel, die im Wald herumlagen, immer unheimlich, auch wenn es offensichtlich Tierknochen waren und ihr Vorhandendensein ganz natürlich, in gewissem Sinn sogar notwendig war. Nichtsdesto weniger stellte sich in diesem Zusammenhang immer wieder die Frage, was ist passiert und welches Tier war das? In diesem konkreten Fall hat es mir der Wald ein paar Tage später in Form einer gelben Ohrmarke enthüllt: der "Name" des Tiers war AT 824-454 110, wie auf der teilweise zerbrochenen oder zerbissenen Plastikscheibe mit dem roten Dorn zu lesen war. Es waren dies also vermutlich die Knochen eine Lamms des nahen Bauernhofs, das der kleinen Wildnis zwischen Sporthotel oben und Bauernlehen etwas weiter unten zum Opfer gefallen ist. Tja, mein Wald teilt sich mir manchmal mit, aber den letzten Zipfel des Geheimnisschleiers rund um das, was in ihm vorgeht, lüftet er nicht. Er ist und bleibt ein phantastischer Ort voller Andeutungen und Erinnerungen.