J.S. Bach, Präludium in C-Dur. Wunderbar einfache Akkord-Zerlegungen, klar und
plätschernd wie ein Gebirgsbach. Während Daniel Barenboim für mich
die Harmonien zerlegt, und die Spaghetti im Wasser kochen, öffne ich eine
Flasche Muskateller und schenke ein. Was für ein Samstag! Die Dämmerung weicht
der blendenen Sonne als wir weggehen, Myriaden von Schneekristallen glänzen im Talgrund,
während Johannes und ich uns der Ederalm nähern. Unsere Fotoapparate baumeln schwer an
Schultern und Hals, aber heute brauchen wir sie griffbereit, denn es ist offenbar,
dass es ein großartiger Tag wird.
Spinat und Zwiebel sind gerade richtig, um die Nudeln unterzumischen, das Sugo ist auch schon fast
fertig, Zeit, das Glas nochmals einzuschenken. Hias hat um 2 Uhr früh für die Tour
abgesagt, Mascht entschuldigt sich um 6.18 Uhr. Allein Johannes bleibt aufrecht und vergewissert sich telefonisch,
dass unsere Vereinbarung nach wie vor aufrecht ist.
Fuge in C-Dur. Damals, bei meinen ersten Versuchen, Bach zu bändigen, das Einstiegsstück,
Fingersatz-verachtende Versuche, dem Thema und seinen vielgestaltigen Wiederholungen Herr zu werden.
Meine Schwester Susi spielte es damals perfekt und weckte den Wunsch, es ihr gleich zu tun. Oh, du mein
unerreichtes Vorbild.
Johannes Felle spielen ihm einen Streich. Schon nach einer halben Stunde haben sie sich vom Schi gelöst
und so kann er nur noch in der Falllinie unserem Ziel entgegengehen. Meine Güte, Johannes, nicht du auch noch!
Wenn er wegen der Felle auch noch aufgeben müßte, dann wäre ich trotz der nicht
unbeträchtlichen Zahl an Skitourengängern, allein.
Die C-Moll Fuge! Die war schon in meinem Schulbuch abgedruckt. Es ist vielleicht Bachs einfachste Fuge,
jedenfalls läßt sie sich auch von einem Mittelmäßler wie mir spielen. Ein Leckerbissen,
fast so gut wie die Nudeln auf meinem Teller. Ach, kein Teller, die Sachen werden gleich in der Pfanne vermischt
und daraus wird auch gegessen. Der Wein steigt langsam zu Kopf, und Daniel Barenboim ist inzwischen beim Cis-Dur
Präludium angelangt. Wie ist es mitreissend! Man muß das Tempo anziehen, sonst wirkt es nicht. Aber - auch
wenn man das nicht laut sagen sollte - bei 7 ♯ fällt das nicht so leicht.
Ich habe Johannes' Fell um den Bauch gewickelt, die Wärme soll den Kleber wieder pickig machen. Wir trinken Tee
und unsere Schatten werden immer kürzer. Ein dicker Hund überholt uns, hinter ihm ein Mann mit seinem Sohn.
Wie wunderbar spielt Bach mit den einzelnen Stimmen! Gedankenverloren sehe ich Johannes, wie er zu Fuß die gefrorene
Rinne nachkommt.
Die Nudeln in der Pfanne werden langsam weniger, wieder einmal hab ich zuviel angetragen und es ist absehbar, dass es ein Kampf
wird, sie fertig zu essen. Es spielt schon die Cis-Dur Fuge. Sie ist so unglaublich schön, und ich werde sie nie spielen
können! In meinem Dusel steigen deswegen schon ein paar Tränen in meine Augen. Johannes Felle haben nach der Pause
zwar gut gehalten, der Trick mit dem Bauch hat funktioniert, aber nun ist es so steil und der Schnee so hart, dass er
sich ohne Harscheisen schwer tut. So geht er also mit den Steigeisen weiter, was mir wiederum die Berechtigung gibt,
nunmehr meine Harscheisen zu montieren. Während wir höhersteigen, geben wir einander
die unglaublichsten Fotomotive ab und fotografieren uns dementsprechend häufig.
Meine Lieblingsfuge, Cis-Moll! 5 Stimmen, die sich umschlingen, eigentlich zuviel, um von meinem kleinen Geist
überhaupt erfasst zu werden. Die Noten umkreisen einander, auf dem Notenblatt, und nunmehr auch in
meinem Kopf, sie wickeln mich ein, während ich ein letztes mal, einmal zu oft, einschenke.
Ach Judit, wie kannst du nur in einem so flachen Land leben wollen...
Johannes Schritte, und meine noch mehr, werden schwer. Längst haben wir die Rinne passiert, wo die Lawine
sonst liegenbleibt und die gefrorenen Schneebrocken das Durchqueren in beide Richtungen beschwerlich macht. Vor
uns öffnet sich das weite Kar, und weit oben erkennen wir den steilen Schneeschlauch, der sich bis zu unserem
endgültigen Ziel immer mehr verjüngt. Unzählige, qualvolle Spitzkehren liegen noch vor mir, während
sich Johannes im westlichen Teil der weiten Schneefläche nach oben kämpft. Hier trägt ihn der Schnee
besser als auf meiner, der östlichen Seite, und macht den Anstieg erträglicher.
Es vergeht einige Zeit in Gedankenlosigkeit. Das Geradeaus-Schauen macht Mühe. Das Präludium in Es-Dur
reißt mich aber aus der geistigen Dämmerung. Alles ist darin enthalten, es ist fröhlich, dann ernst
und manchmal auch traurig, es enthält ein ganzes Leben. Bei jenem Felsen werden wir eine Pause machen, bevor
wir die letzten hundert Höhenmeter angehen. Ich sehne mich nach einem Schluck Wasser und etwas zu essen. Wie lange
werden wir brauchen, bis wir den Platz erreicht haben? Auch in diesem Moment, in dem ich beschließe, was in
diesem Bericht stehen soll, sehne ich mich nach einem Schluck Wasser, um wieder etwas mehr Klarheit zu gewinnen.
Ein für diesen Abend nutzloses Vorhaben.
Die Tiroler sind uns hart auf den Fersen. Nein, abhängen werden wir sie heute nicht mehr. Es ist eher so, dass
wir Mühe haben werden, mit ihnen Schritt zu halten. Gleich kommt das Präludium in Es-Moll. Dieses ist
visionär und erreicht seinen Höhepunkt bereits in Takt 13, eine unglaubliche Harmonie, die nur mit dem
Gefühl beschrieben werden kann, das man hat, wenn man nach anstrengenden 3 1/2 Stunden am Hasenhals ankommt.
Die Musik hat eine Weite, wie sie nur das Panorama, das sich uns bietet, hat. Ich torkle durch die Wohnung und trage das
Geschirr in die Abwasch. Selten schmecken Mannerschnitten so gut wie hier auf 2500 Meter. Daniel Barenboim steigert
noch einmal die musikalische Spannung, und löst sie erst drei Takte vor Schluß wieder auf.
Die Abfahrt vom Hasenhals ist ekstatisch, eine steile Flanke, die wunderbar aufgefirnt ist. Nur die Beine sind
unbeschreiblich müde, darum fahren wir so kraftsparend wie möglich ab. Nach dem Es-Moll Präludium
bin ich erschöpft und will mich einen Augenblick ausruhen. Ich falle vornüber in's Bett, nicht einmal die
Jacke ziehe ich aus. Die letzten Schwünge auskostend, bevor wir wieder am Ausgangspunkt der Tour ankommen, freue ich
mich auf das Ausrasten nach der Tour. Johannes sperrt das Auto auf und ich falle vornüber auf den Beifahrersitz. Der Kopf
blendet die Musik aus, die weiter aus dem CD-Spieler kommt. Mehr kann er nicht mehr fassen und es ist gut, dass alles um mich
herum sich in einer tiefen Bewußtlosigkeit auflöst.