Im Sommer war die Kätzin erneut trächtig, sie wurde zunehmend dicker und alles deutete darauf hin, dass sie gegen September erneut Nachwuchs bekommen würde. Nachdem sie, als diese Zeit dann gekommen war, ein paar Tage verschwunden war - der Bauer H. nahm kein anderes Lebenzeichen von ihr wahr, ausser dass die Milch, die er ihr täglich in die Schüssel goss, ausgeschleckt war - zeigte sie sich schließlich eines Morgens mit ihrem zweiten Wurf. Man hatte, da sie während ihrer Trächtigkeit so rund war, mit mindestens drei kleinen Katzen gerechnet, die Kinder des Bauern H. hatten über ihre Zahl sogar Wetten abgeschlossen, nun aber präsentierte sie nur ein einzelnes Kind; ob ihre Nachkommenschaft ursprünglich größer war und nur dieses einzige Kätzchen überlebt hatte, oder ob ihr zierlicher und von der vorhergehenden Schwangerschaft geschwächter Körper nur Substanz und Kraft für dieses eine Lebewesen hatte, konnte man nicht sagen. Allerdings schien letzteres der Fall zu sein, denn dieses einzelne kleine Katzenkind schien selbst von schwacher und kränklicher Natur zu sein. Man wartete am Hof noch ein paar Stunden ab, ob die Katze vielleicht doch noch andere Kinder aus dem Geburtsversteck holen würde, aber es blieb schlussendlich bei diesem einen.
Dieses Kätzchen, das bald nicht mehr weiter beachtet wurde, verursachte aber ein Monat später eine große Begeisterung bei der Familie F., die aus der Stadt kommend ein paar Tage Urlaub auf dem Hof des Bauern H. verbringen wollte. Die beiden Kinder der F.s waren kaum von der Kiste, die der Bauer im Stall aufgestellt und mit einer Decke ausgepolstert hatte und in dem die Kätzin ihr Kleines in den vergangenen Wochen eifersüchtig bewachte und pflegte, wegzubekommen. Frau F., von der Verzückung ihrer Kinder selbst ganz bezaubert, fasste beim Anblick von soviel Zuneigung und ohne viel Nachzudenken einen Entschluss und erkundigte sich nach einigen Tagen bei ihrem Gastgeber, was mit diesem Kätzchen geschehen werde. Der Bauer H. konnte auf diese Frage nicht antworten. Es war auf dem Hof seit jeher üblich, sich um die hinzugekommenen Katzen am Hof nicht weiter zu kümmern, früher oder später liefen sie entweder von selbst davon, wurden von einem Auto auf der nahen Straße überfahren oder vom Fuchs geholt. Es genügte in der Regel, gar nichts zu tun. An diesem Kätzchen hatte er aber bemerkt, dass es tatsächlich krank war, denn es hatte zu der Zeit, wenn die Kätzchen die Augen öffnen, nur eines aufmachen können, das andere aber blieb geschlossen und tränte. Er hatte schon daran gedacht, dieses Tier "von seinem Leiden zu erlösen", so empfand er es jedenfalls, und so sprach er es auch Frau F. gegenüber aus. Diese tat daraufhin schockiert und erklärte sich sogleich bereit, das "arme, unschuldige Wesen", wie sie es ihrerseits empfand und dem Bauern gegenüber aussprach, als Haustier und Spielkameraden für ihre Kinder in die Stadt mitzunehmen. Tatsächlich war dem Bauern H., der alle seine Tiere liebte, das Schlachten und Erschlagen ein Greuel, und wenn er es tat, dann nur, weil er die Notwendigkeit darin erkannte und sich danach richtete. Somit kostete es Frau F. keine große Überredungskunst, dieses ungewöhnlich kleine, aber trotzdem entzückende Tier, das keine Geschwister hatte, vom Bauern H. geschenkt zu bekommen.
Ein paar Wochen später, gegen Ende November, tauchte ganz
überraschend und ohne Vorankündigung Frau F. mit dem Auto ihres
Mannes auf. Sie kam ohne Begleitung, hatte die dreistündige
Autofahrt also allein
bewältigt; das heißt, nicht ganz allein, denn am Rücksitz
hatte sie den Katzenkorb, der damals extra für den Transport des kleinen
Katers - wie sich nach kurzer Inspektion herausgestellt hatte - angeschafft
worden war, und in dem Korb saß das Tier und zitterte am ganzen Leib.
Sein linkes Auge war immer noch geschlossen und ganz verklebt und verkrustet. Frau
F., die eine lebhafte Natur hatte und immer sehr resolut aufgetreten war, war bei der
Begrüßund durch den Bauern H. ungewöhnlich still und
nervös. Der Bauer H. hatte natürlich den Korb bemerkt und ahnte, was
nun kommen würde. Tatsächlich kam Frau F., nach ein paar
Begrüßungsworten und höflichen Floskeln, gleich auf den Punkt. Sie schilderte, dass es mit einem
Haustier in der Stadt doch nicht so leicht wäre, wie sie sich
ursprünglich gedacht hatte, ihre Kinder gingen nun auch
wieder zur Schule und kümmerten sich entgegen ihren Beteuerungen
während des Urlaubs auf dem Bauernhof nunmehr kaum noch um den tierischen
Spielkameraden, ja, und stubenrein sei der kleine Kater leider auch
nicht. Kurz und gut, sie wollte den Bauern H. bitten, das Tier wieder
zurück zu nehmen, hier wäre es doch besser aufgehoben. Der
Bauer H. hörte nur stumm zu und gab mit einem Kopfnicken sein
Einverständnis, zu dumm kam es ihm vor, der Frau F. diesen Wunsch
abzuschlagen, sie damit vor den Kopf zu stoßen und mit dem kleinen Kater
im Auto wieder wegzuschicken. Frau
F. dankte ihm erleichtert, gab vor, es sehr eilig zu haben, um vor dem
Dunkelwerden wieder zuhause bei ihrem Mann und den Kindern zu sein, und
verließ den Hof ohne sich nocheinmal umzudrehen oder zu winken. So sehr
schämt sie sich also, dieses Wesen, vor dem sie sich wahrscheinlich in
Wahrheit wegen der Unreinheit und des entzundenen Auges ekelte, im Stich zu lassen,
dachte der Bauer H., der das immer noch zitternde Tier am Arm hielt.
Der Bauer H. trug den kleinen Kater auf die Südseite des Stalls und
setzte sich mit ihm auf die Bank, die dort in der warmen Spätherbstsonne
stand. Er spürte, wie sich das Tier langsam beruhigte und aufhörte zu
zittern. Auf ihrem Weg begegneten sie der Mutter des Kleinen, die in einer warmen Ecke an der Mauer
der Tenne im dürren Gras döste, aber weder sie noch ihr Sohn nahmen
voneinander Notiz. Schweigend betrachtete der Bauer H. die Felder, die jetzt
karg und öd vor ihm lagen, und kraulte das alleingelassene Tier am
Rücken und hinter den Ohren, wo Katzen es am liebsten mögen, und
gleich begann der kleine Kater vor Wonne zu schnurren. Der Bauer sah, wie die
kurzen, zarten Schnurrbarthaare vibrierten und fühlte, wie sich der
kleine Kopf gegen seine Hand stemmte. Er wußte, dass dieses Tier sich
auf seinem Hof nicht allein erhalten konnte, es hatte das Jagen weder mit
seinen Geschwistern üben, noch von seiner Mutter lernen können. Und
das kranke Auge würde es auch nicht einfacher machen. So saß der
Hofherr eine Weile da und sinnierte, währenddessen der kleine Kater
beide Augen geschlossen hatte und in der Hand des Bauern
H. eingeschlafen war. Der Geruch der fetten, warmen Erde lag in der Luft. Der Bauer betrachtete nachdenklich
des winzige Wesen in seiner großen Hand, dann erhob er sich
vorsichtig, um es nicht zu wecken. Den Kopf des kleinen
Katers hielt er in der einen Hand, die vier Pfoten hingen links und rechts
von der anderen Hand herunter. Die Finger seiner rechten Hand lagen am
Bauch des Tieres genau an der Stelle, an der sein Herz schlug, und obwohl der
Bauer H.
wegen der von der harten Arbeit schwieligen Haut nur wenig Gefühl in den
Fingerspitzen hatte, fühlte er doch ganz deutlich das regelmäßige und
energische Schlagen eines kräftigen Herzens. Der Bauer hielt wieder kurz
inne. Dann schüttelte er traurig den Kopf und
ging noch vorsichtiger, noch leiser und noch sanfter mit dem Kater in beiden
Händen in den
Stall, wo er ganz hinten in der Ecke den Hackstock
und die Axt, die darin steckte, wußte.
